Klassische Musik online - Aktuelles, Konzerte, Biographien, Musik & Videos im Netz.

Klassische Musik und Oper von Classissima

Claudio Abbado

Donnerstag 19. Januar 2017


Klassik am Mittag

12. Dezember

Mozart dirigiert mit 12 Jahren ein großes Orchester und dazu noch seine eigene Komposition

Klassik am MittagSendung Nummer 749 13.12.2016 & 18.12.2016, 12 Uhr Unglaublich und heute undenkbar, dass ein Kind ein großes   __________________________________________________ Playlist: 1.) Wolfgang Amadeus Mozart, Waisenhausmesse, KV 139 G.Janowitz, F.v.Stade, W.Ochman,K.Moll, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker, Ltg Claudio Abbado Plattenverlag: Deutsche Grammophon Erscheinungsjahr:1976__________________________________________________ 2.) [Mozart, Youth Symphonies Vol. 1 Academy of St Martin in the Fields, N.Marriner Plattenverlag: Pentatone classics Erscheinungsjahr: 2003__________________________________________________

musik heute

6. Januar

Abbados Orchestra Mozart kehrt mit Faust und Haitink zurück

Bologna/Berlin (MH) – Das von Claudio Abbado über ein Jahrzehnt geprägte Orchestra Mozart tritt fast drei Jahre nach dem Tod des weltbekannten italienischen Dirigenten erstmals wieder auf. Unter Leitung des Niederländers Bernard Haitink führen etwa [...] The post Abbados Orchestra Mozart kehrt mit Faust und Haitink zurück appeared first on MUSIK HEUTE .




Crescendo

22. November

Elīna Garanča: „Alles sehr gut“ - Elīna Garanča

Mit 40 Jahren, zwei Kindern und Engagements an den größten Opern- und Konzerthäusern der Welt steht kaum eine Sängerin besser da als Elīna Garanča. Ein Gespräch über das Leben und ihre Mutter und Lehrerin, die leider im vergangenen Jahr verstarb. crescendo: Frau Garanča, unlängst wurden Sie 40. „Mit 20 regiert der Wille“, sagt Amerikas Gründervater Benjamin Franklin … Elīna Garanča: Das stimmt! „… mit 30 der Verstand …“ EG: … Na ja! „… und mit 40 das Urteilsvermögen.“ EG: (lacht) Hoffentlich! Mit meiner Mutter, die vor einem Jahr starb, sprachen wir viel über den Sinn des Lebens. Ich sagte ihr, ich steuere auf die 40 und bald auch auf die 50 zu, die für eine Sängerin vielleicht nicht mehr so toll sind. Sie sagte nur: Das Beste kommt noch. Irgendwie hatte sie Recht. Ich bin jetzt 20 Jahre auf der Bühne und kann das Leben viel mehr genießen. Früher musste ich mir und den Leuten, die mir vertraut haben, etwas beweisen. Inzwischen bin ich gelassener. Die Kinder sind da, mein Mann, meine Laufbahn. Wir führen ein privilegiertes Leben, der Preis ist allerdings hoch, das Leben ist oft anstrengend. Aber wir sind die Herren unseres Lebens. Etwas philosophischer geht es bei August Strindberg zu: „Wenn man 20 ist, hat man das Welträtsel gelöst; mit 30 fängt man an, darüber nachzudenken, und mit 40 findet man es unlösbar.“ EG: Oh! (lacht) Ja, das liegt daran, dass man als junger Mensch unbedingt manches verändern will, dann aber feststellt, dass es nicht geht. Man muss wohl auch zu akzeptieren lernen, dass bestimmte Dinge auch ohne einen weitergehen, dass man nicht unersetzbar ist. Das begreift man erst später. Ich bin sehr froh mit dem, was ich erreicht habe. Obwohl Ihre Mutter, die Mezzosopranistin und Gesangspädagogin Anita Garanča, zunächst nicht an Ihre Opernkarriere glaubte. „Du hast deine Stimme verraucht“, soll sie zu Ihnen gesagt haben … EG: (lacht) Als sie das sagte, war eine Karriere jedenfalls zu Ende: meine Raucherkarriere. Meine Mutter war besorgt, sie wusste, wie viele Jahre es brauchte, bis man die Stimme im Griff hat. Es sind ja nicht nur der Applaus und das schöne Kleid. Sondern tatsächlich harte Arbeit. Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Kulturattachée werde. Dabei hatte meine Mutter früh darauf geachtet, dass wir mit ihrer Welt zusammenkamen. Von Kindesbeinen an war ich im Theater, mit sechs Jahren bin ich in einem Bühnenmärchen als Prinzessin aufgetreten, später kamen Auftritte in Musicals dazu. Einen Teil Ihrer Kindheit verbrachten Sie auch auf dem Bauernhof Ihrer Großmutter. Dort haben Sie den Kühen auf der Wiese kleine Lieder vorgesungen. Wie war die Reaktion? EG: (lacht) Es heißt ja, Kühe geben bei der Musik von Mozart mehr Milch. Ich weiß nicht, ob sie das bei mir taten, (lacht) obwohl Freundinnen von mir sagen, ich sei „die beste singende Melkerin und die beste melkende Sängerin“. Fakt war: Ich brauchte einfach Publikum, schon als kleines Mädchen. Kühe scheinen Ihr Schicksal zu bestimmen: Mit 17 wollten Sie auch Schauspielerin werden. Bei der Aufnahmeprüfung sollten Sie unter anderem eine Kuh auf der Wiese darstellen. EG: (lacht) Und bin durchgefallen! Ich musste also Sängerin werden. Dass es so hart werden wird, hätte ich nicht gedacht. Ich habe mal ein Konzert mit 39,4 Grad Fieber durchgestanden. Die Menschen sollen wissen, wie sehr dieser Beruf einen auch körperlich in Anspruch nimmt. Technisches Können, Disziplin und Kontrolle sind unabdingbar für die Interpretation. Vieles muss erarbeitet werden; die Stimme darf nicht überstrapaziert werden, denn sie ist mein einziges Kapital. Ein weinender Schauspieler ist nicht immer einer, der das Publikum zum Weinen bringt. Es geht nicht darum, dass die Leute mit mir persönlich mitleiden, sondern mit meiner Figur. Die muss ich spielen und das kann ich nur, wenn ich die Kontrolle über meine eigenen Gefühle habe. Deshalb muss man so viel arbeiten. Ich darf mich auch nicht von Stimmungen hinreißen lassen. Das würde mich früher oder später verbrennen. Dann habe ich irgendwann keine Stimme mehr beziehungsweise kann andere Rollen nicht mehr singen. „Ein bisserl oben, ein bisserl in der Mitte und ein bisserl unten“, beschrieb Christa Ludwig Ihre Stimme. EG: (lacht) Ich bin froh, dass ich nicht ständig mit einer Sopranistin aus der Vergangenheit verglichen werde. Das kann ziemlichen Druck ausüben. Historische Mezzos gibt es kaum. Eine Primadonna wird lediglich auf die zehn größten Partien reduziert und mit der Callas oder Tebaldi verglichen. Wir aber haben ein sehr breites Repertoire, von den Hosenrollen bis hin zum lyrischen französischen Repertoire und den dramatischen Wagner-Partien. Hatte die Stimmfarbe Ihrer Mutter eigentlich Ähnlichkeit mit Ihrer? EG: Am Anfang nur die Sprechstimme. Am Telefon hat man uns oft verwechselt, die Jungs haben sie zu Dates eingeladen und bei mir haben Kollegen der Akademie über die Studenten geschimpft. (lacht) Ich habe dann eine Minute zugehört und gesagt: „Wissen Sie, meine Mutter ist nicht zu Hause.“ Dafür kam meine Mutter an und fragte mich: „Ah, mit dem also triffst du dich!“ (lacht) Irgendwann habe ich das Repertoire gewechselt, sie war ja mehr eine Lied-Interpretin. Nach meinen zwei Geburten hat sich meine Stimme verändert. Ich höre mich ähnlich wie meine Mutter phrasieren. Mein Vater sagt, dass er meine CD mit lettischen Komponisten nicht anhören kann, weil sie ihn zu sehr an meine Mutter erinnert. Mit der Aussage, Sie bekämen nur „Hebammen-Rollen“ in Lettland, packten Sie 1999 einen 40 Kilo schweren Koffer und setzten sich in Riga in den Bus in Richtung Meiningen, wo Sie an der Oper einen Vertrag hatten. Hätte Ihre Mutter unter anderen politischen Umständen in Lettland Karriere machen können? EG: Es war eine andere Generation, die ihr Leben geschlossen hinter dem Eisernen Vorhang führte. Meine Mutter ist zwar viel verreist und wurde bejubelt. Aber sie war kein Wanderer, sie wollte immer wieder nach Hause. Ich bin gerne unterwegs, ich mache mir überall ein Zuhause. Als Künstlerin hätte sie mit ihrer Begabung und ihrer Stimme durchaus Karriere machen können, aber sie war nicht hart genug für dieses Leben, das oft sehr einsam ist. Dazu kam eine Knochentuberkulose, die ihr sämtliche Schleimhäute ruinierte. So musste sie eine Gesangslaufbahn aufgeben. Als Pädagogin aber wurde sie sehr glücklich. Auf Ihren ersten Meininger Honorarscheck waren Sie so stolz, dass Sie ihn eingerahmt in Ihrer Wohnung aufgehängt haben. EG: (lacht) Ach, ich war ein Mädchen vom Lande. Ich konnte kein Deutsch und wusste nicht, was ein Scheck ist, ich habe Deutsch in den Trash-Daily-Talks der 90er von Arabella Kiesbauer und Bärbel Schäfer gelernt. Mich hat erstaunt, wie offen Sie über Gagen reden. Warum machen viele Künstler ein Geheimnis daraus? EG: Alle stehen im Wettbewerb, es geht um Status, jedes Haus hat seine Gagenstruktur. Die Agenten wollen diesen Wettbewerb nicht öffentlich diskutieren. Es sollen kein Neid, keine Begehrlichkeiten geweckt werden oder Diskussionen in der Art, warum bekommt „sie“ mehr, „wir singen doch das gleiche Repertoire“ – „du hast aber vielleicht nicht die gleiche Persönlichkeit“ etc. Meine persönliche Interviewerfahrung: Künstler, die hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen sind, kommen mir direkter und weniger verstellt vor als solche aus dem Westen, die oft politisch korrekt und darauf bedacht sind, nicht das „Falsche“ zu sagen. EG: Ich glaube, das liegt daran, weil wir hier „Ausländer“ sind. Wir leben zwar teilweise hier, kommen aber nicht von hier und haben als „Ausländer“ einen Exoten-Bonus, dürfen eine andere Meinung haben. In unserem Land würden wir anders sprechen. Im Kommunismus musste man ja auch aufpassen … EG: Meine Generation hatte das große Glück, dass sie nicht mehr die Probleme eines Kurt Masur oder Mariss Jansons hatte. Mein Leben konnte ich in der freien Welt aufbauen. In Ihrer Biografie betonen Sie, wie wichtig es für einen Künstler ist, Nein zu sagen. EG: Unbedingt. Das habe ich schon zu Beginn meiner Laufbahn gemacht. Dem sehr mächtigen Opernimpresario der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, sagte ich den ersten Vorstellungstermin ab, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Stimme nicht in Topform war. Auch sein Angebot, die Charlotte (Massenet Werther) zu singen, nahm ich zunächst nicht an, weil ich zu dem Zeitpunkt noch Ensemblemitglied in Frankfurt war und Perfektionistin bin. Ich fühlte mich noch nicht so sicher. Die Wiener Staatsoper ist schließlich ein berühmtes Opernhaus. Die Wiener Kritiker und das Publikum sind nicht einfach. Angebote kommen ständig, aber man muss sich darüber im Klaren sein, was man kann, welche Grenzen man hat und wie viel man der eigenen Stimme zumuten kann. Warum fällt es vielen Ihrer Kollegen so schwer, Nein zu sagen? EG: Weil sie nicht die Selbstsicherheit haben, die Stärke, die Reaktion auf eben dieses Nein zu akzeptieren oder zu ertragen. Ich kenne viele, die sich beklagen, ihr Agent treibe sie in eine Richtung, die sie eigentlich nicht wollten. Ich sage meinen Agenten, was ich will und wozu ich mich imstande fühle. Man muss König seines Lebens sein. Viele entscheiden über dein Leben, ohne die Konsequenzen zu bedenken, die eine „falsche“ Rolle für einen Sänger, der stimmlich darauf nicht vorbereitet ist, haben kann. Hat Ihnen dieses offensive Nein je geschadet? EG: Geschadet hat es mir nie. Und wenn, dann habe ich das ja nicht mitbekommen. (lacht) Vielleicht hat mancher über mich gelästert, meine Karriere hat dies nicht beeinflusst. Ich hatte kritische Eltern, die mir beibrachten, selbstkritisch zu sein. Von 50 Aufführungen sind nur wenige wirklich gut. In Paris werden Sie bald erstmals die Santuzza aus Mascagnis Cavalleria rusticana singen. Eine Kostprobe geben Sie auf Ihrer neuen CD „Revive“. EG: Ich bin jetzt 40 geworden, meine Mutter ist gerade verstorben. Ich kann diese Verismo-Partie und andere dramatische Partien wesentlich freier angehen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich vermisse ich meine Mutter täglich, würde ihr so viel erzählen, aber sie war eine sehr starke Persönlichkeit. Ihre Kritik war für meinen Werdegang als Sängerin sehr wichtig, hat mich aber auch eingeschränkt. „Die ersten 40 Jahre unseres Lebens liefern den Text“, schreibt Arthur Schopenhauer, „die folgenden 30 den Kommentar dazu“. EG: (lacht laut) Dann wird es noch einige Interviews geben! Teresa Pieschacón Raphael ELĪNA GARANČA LIVE 01.02.2017: Berlin, Philharmonie 03.02.2017: Baden-Baden, Festspielhaus 05.02.2017: München, Gasteig 08.02.2017: Frankfurt, Alte Oper 14.02.2017: Düsseldorf, Tonhalle „Revive“ Elīna Garanča, Orquestra de la Comunitat Valenciana, Roberto Abbado (DG)

Crescendo

12. Oktober

„Wolfgang Amadeus wie eine Zwiebel geteilt“

Die fünf Violinkonzerte von Mozart seien das Schwierigste, das sie bisher aufgenommen habe, sagt die Star-Geigerin Isabelle Faust. Warum das so ist, erklärte sie uns bei einem entspannten Treffen in Berlin. Kofferpacken gehört für Isabelle Faust zum Alltag. Meist ist die international gefragte Geigerin mit dem markanten Kurzhaarschnitt kreuz und quer durch Europa unterwegs, denn sie spielt um die 130 Konzerte pro Jahr! Da genießt man schon mal einen „Ausflug“ nach Berlin, wo sie ihre Familie um sich hat. Hier, im Dunst des Großstadtgewirrs, treffen wir sie zum entspannten Gespräch und beginnen gleich mit dem Thema „Heimat“. Isabelle Faust muss nicht lange überlegen, was ihr unterwegs ein Gefühl von Heimat vermittelt: „Eigentlich immer die Musik, an die ich gerade denke. Heimat ist doch vor allem das, was man in sich trägt.“ Ständige Reisebegleiterin seit nunmehr 20 Jahren ist auch die „Dornröschen“-Stradivari von 1704, eine Leihgabe der Landesbank Baden-Württemberg. 150 Jahre lang galt das edle Instrument als verschollen, bis es 1900 zufällig auf einem Dachboden entdeckt wurde. „Dornröschen“ kam auch zum Einsatz, als Isabelle Faust für ihr gerade bei Harmonia Mundi erschienenes Album mit dem italienischen Barockensemble Il Giardino Armonico alle fünf Violinkonzerte sowie drei Orchestersätze von Wolfgang Amadeus Mozart einspielte. Faust, die sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis befasst hat, zog ihrer Geige für dieses Projekt wieder Darmstatt Stahlsaiten auf. „Mit Mozarts Musik bin ich schon mit elf oder zwölf Jahren in Berührung gekommen. Da hatte ich gerade mein eigenes Streichquartett gegründet“, erinnert sie sich. „Zuerst spielte ich sein G-Dur-Violinkonzert KV 216, dann natürlich auch die Streichquartette. Ich spürte sofort, dass diese Musik von der Bühne aus gedacht war. Mozarts Opern sind so unglaublich schön und einfallsreich, sie haben einen zentralen Platz in meinem Herzen. Wenn man diese Opern gehört hat, kann man sich an manchen Stellen der Violinkonzerte lebhaft vorstellen, wie ein Basso hinter einer Hecke lauert und eine liebeskranke Sopranistin veräppelt.“ In den Werken des Salzburgers nimmt Isabelle Faust immer ein gewisses Augenzwinkern wahr. „Die Idee zu den abschließenden Rondo-Sätzen seiner Violinkonzerte hat er aus Frankreich übernommen. Diese Komponisten wiederholten aber ihre ,Ritornelli‘ zumeist eins zu eins, während Mozart jedes Mal rhythmisch etwas veränderte. Er komponierte unerhört fantasiereich und geschmackvoll. Und selbst wenn er in den frühen Konzerten mal zwei gleiche Themen verwendete, wird er sie selbst auf der Geige kaum identisch gespielt haben. Vermutlich ließ er sich bei jeder Aufführung etwas Neues einfallen.“ In den Finalsatz des Konzerts KV 216, auch Straßburger Konzert genannt, fügte Mozart unvermittelt zwei kurze Liedmelodien ein. Auch die langsame Einleitung zum A-Dur-Konzert KV 219 sei für das damalige Publikum sicherlich eine Überraschung gewesen, meint die Geigerin. „Die Zuhörer haben sich bestimmt gefragt, was das zu bedeuten hatte. Im Allegro zeigte sich der Solist entgegen allen Erwartungen gar nicht als kühner Virtuose, sondern spielte ein Adagio. Mozart war eben sehr ironisch. Er hatte Witz und Sinn für das Theatralische, war andererseits aber auch immer bereit, zum Lyrischen umzuschwenken. Als Interpret muss man sich ständig wie ein Fisch im Wasser bewegen, um diese raschen Stimmungswechsel zu bewältigen.“ Vielleicht sogar das Schwierigste, das sie bisher aufgenommen habe, gesteht die Geigerin, die ein breit gefächertes Repertoire vom Barock bis zur Gegenwart beherrscht. „Als Mozart die Stücke schrieb, war er noch nicht einmal 20 Jahre alt. Bis auf das erste sind alle diese Konzerte 1775 binnen weniger Monate entstanden. Er besaß eine Genialität, die man nicht imitieren kann. Selbst bei minimalen Veränderungen riskiert man als Musiker, die Balance zum Kippen zu bringen. Seine Stücke sind so filigran, dass alles wie ein Kartenhaus einzustürzen droht, sobald man nur an einer einzigen Ecke etwas wegnimmt.“ Der Flötist und Dirigent Giovanni Antonini und sein Ensemble Il Giardino Armonico erwiesen sich als höchst experimentierfreudige Partner, mit denen Isabelle Faust tief in die Materie eintauchen konnte. „Die Violinkonzerte und die Orchestersätze haben wir in zwei verschiedenen Arbeitsphasen in Berlin aufgenommen. Vorher hatten wir das Repertoire schon gemeinsam auf die Bühne gebracht.“ Antonini sei sehr anspruchsvoll: „Er gibt sich erst dann zufrieden, wenn auch das letzte Detail perfekt stimmt. Obwohl wir die Stücke vorher häufig miteinander gespielt hatten, waren wir im Studio noch lange damit beschäftigt, über unterschiedliche Interpretationsansätze zu diskutieren. Alles wurde immer wieder neu ausgelotet. Dabei habe ich unglaublich viel dazugelernt. Gemeinsam haben wir Schicht für Schicht von der ‚Zwiebel‘ Mozart abgetragen.“ Das Musizieren auf Darmsaiten ist Faust bestens vertraut. Mit der historisch informierten Spielweise setzte sie sich unter anderem auseinander, als sie mit dem Freiburger Barockorchester, dem Pianisten Alexander Melnikov und dem Cellisten Jean-Guihen Queyras unter Leitung von Pablo Heras-Casado Werke von Robert Schumann aufnahm. Vor dem Mozart-Projekt habe sie allerdings länger nach einem passenden Bogen gesucht. „Ich habe unter anderem einen klassischen Bogen, der relativ kurz und mit wenigen Haaren bespannt ist. Für die langsamen Sätze der Violinkonzerte würde er nicht ausreichen. Bögen aus der Barockzeit sind aber heute nicht mehr spielbar und meist nur noch in Museen zu finden. Von einem Bogenbauer habe ich mir deshalb verschiedene historische Modelle nachbauen lassen.“ Nicht nur künstlerisch, auch menschlich fühlt sich Faust Il Giardino Armonico tief verbunden. „Die Musiker sind unermüdlich bei der Arbeit, sie glühen förmlich für ihre Sache und sind sehr miteinander verwachsen. Obwohl ich von außen zu dieser eingeschworenen Gemeinschaft gestoßen bin, habe ich mich nicht einen Moment lang fremd gefühlt“, sagt sie. „Man muss immer überlegen, wie weit man sich als Solist einbringt und wie man sich andererseits der charakteristischen Spielweise eines Ensembles anpassen kann. Bei Il Giardino Armonico tritt das italienische Element besonders deutlich hervor. Das ist ein interessanter Ansatz, denn die italienische Musik hat Mozart ja bekanntermaßen stark beeinflusst.“ Ursprünglich wollte Isabelle Faust die fünf Konzerte mit Claudio Abbado und seinem Orchestra Mozart aufnehmen, mit denen sie über mehrere Jahre eng zusammengearbeitet hatte. Da der weltbekannte Dirigent im Januar 2014 starb, konnte das Projekt nicht mehr realisiert werden. Zuvor hatte sie mit Abbado, ebenfalls für Harmonia Mundi, Violinkonzerte von Beethoven und Berg eingespielt. Das 2012 erschienene Album wurde mit dem Diapason d’Or, einem ECHO KLASSIK, dem Gramophone Award und dem japanischen Record Academy Award ausgezeichnet. Isabelle Faust erinnert sich noch gut daran, wie sie mit Abbado und seinem Orchester aus Bologna Mozarts letztes Violinkonzert KV 219 aufführte. Einer der Auftritte fand in dem prächtigen barocken Teatro Farnese in Parma statt, das zu diesem Anlass im Juni 2011 nach über 200 Jahren erstmals wieder bespielt wurde. Auch beim Lucerne Festival waren sie mit diesem Werk gemeinsam zu erleben. „Claudio war ein sehr lyrischer Musiker. Sein Mozart war mit Gold übergossen und weniger provokant. Immer wenn ich versuchte, den komischen Charakter mancher Passagen besonders hervorzuheben, zwinkerte er mir kurz zu. Dann wusste ich, aha, das war wohl doch ein bisschen zu viel. Übertriebene Effekte wollte er immer vermeiden. Dabei wurde mir klar, wie schwierig es ist, bei Mozart die Balance zu halten.“ Im nächsten Januar wird Isabelle Faust mit dem wiederbelebten Orchestra Mozart unter Leitung von Bernard Haitink in Bologna und Lugano Beethovens Violinkonzert aufführen. Zukünftige Mozart-Projekte möchte sie mit Il Giardino Armonico in Angriff nehmen. „In gewisser Weise sind wir zu Komplizen geworden“, lacht sie. „Diese Zusammenarbeit finde ich unglaublich spannend und befriedigend. Ich denke, wir sind alle bereit, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen.“ Corina Kolbe Isabelle Faust Live 27.10.16: Konzerthaus Dortmund Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61 12., 13., 15.1.17: Gewandhaus Leipzig Beethoven: Tripelkonzert C-Dur op. 56 17.3.17: Konzerthaus Freiburg Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll op. 64 18.3.17: Kammermusiksaal Berlin Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll op. 64 Wolfgang Amadeus Mozart: „Violin Concertos“ Isabelle Faust, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini (Harmonia Mundi)



Crescendo

12. Oktober

„Wolfgang Amadeus wie eine Zwiebel geteilt“

Die fünf Violinkonzerte von Mozart seien das Schwierigste, das sie bisher aufgenommen habe, sagt die Star-Geigerin Isabelle Faust. Warum das so ist, erklärte sie uns bei einem entspannten Treffen in Berlin. Kofferpacken gehört für Isabelle Faust zum Alltag. Meist ist die international gefragte Geigerin mit dem markanten Kurzhaarschnitt kreuz und quer durch Europa unterwegs, denn sie spielt um die 130 Konzerte pro Jahr! Da genießt man schon mal einen „Ausflug“ nach Berlin, wo sie ihre Familie um sich hat. Hier, im Dunst des Großstadtgewirrs, treffen wir sie zum entspannten Gespräch und beginnen gleich mit dem Thema „Heimat“. Isabelle Faust muss nicht lange überlegen, was ihr unterwegs ein Gefühl von Heimat vermittelt: „Eigentlich immer die Musik, an die ich gerade denke. Heimat ist doch vor allem das, was man in sich trägt.“ Ständige Reisebegleiterin seit nunmehr 20 Jahren ist auch die „Dornröschen“-Stradivari von 1704, eine Leihgabe der Landesbank Baden-Württemberg. 150 Jahre lang galt das edle Instrument als verschollen, bis es 1900 zufällig auf einem Dachboden entdeckt wurde. „Dornröschen“ kam auch zum Einsatz, als Isabelle Faust für ihr gerade bei Harmonia Mundi erschienenes Album mit dem italienischen Barockensemble Il Giardino Armonico alle fünf Violinkonzerte sowie drei Orchestersätze von Wolfgang Amadeus Mozart einspielte. Faust, die sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis befasst hat, zog ihrer Geige für dieses Projekt wieder Darmstatt Stahlsaiten auf. „Mit Mozarts Musik bin ich schon mit elf oder zwölf Jahren in Berührung gekommen. Da hatte ich gerade mein eigenes Streichquartett gegründet“, erinnert sie sich. „Zuerst spielte ich sein G-Dur-Violinkonzert KV 216, dann natürlich auch die Streichquartette. Ich spürte sofort, dass diese Musik von der Bühne aus gedacht war. Mozarts Opern sind so unglaublich schön und einfallsreich, sie haben einen zentralen Platz in meinem Herzen. Wenn man diese Opern gehört hat, kann man sich an manchen Stellen der Violinkonzerte lebhaft vorstellen, wie ein Basso hinter einer Hecke lauert und eine liebeskranke Sopranistin veräppelt.“ In den Werken des Salzburgers nimmt Isabelle Faust immer ein gewisses Augenzwinkern wahr. „Die Idee zu den abschließenden Rondo-Sätzen seiner Violinkonzerte hat er aus Frankreich übernommen. Diese Komponisten wiederholten aber ihre ,Ritornelli‘ zumeist eins zu eins, während Mozart jedes Mal rhythmisch etwas veränderte. Er komponierte unerhört fantasiereich und geschmackvoll. Und selbst wenn er in den frühen Konzerten mal zwei gleiche Themen verwendete, wird er sie selbst auf der Geige kaum identisch gespielt haben. Vermutlich ließ er sich bei jeder Aufführung etwas Neues einfallen.“ In den Finalsatz des Konzerts KV 216, auch Straßburger Konzert genannt, fügte Mozart unvermittelt zwei kurze Liedmelodien ein. Auch die langsame Einleitung zum A-Dur-Konzert KV 219 sei für das damalige Publikum sicherlich eine Überraschung gewesen, meint die Geigerin. „Die Zuhörer haben sich bestimmt gefragt, was das zu bedeuten hatte. Im Allegro zeigte sich der Solist entgegen allen Erwartungen gar nicht als kühner Virtuose, sondern spielte ein Adagio. Mozart war eben sehr ironisch. Er hatte Witz und Sinn für das Theatralische, war andererseits aber auch immer bereit, zum Lyrischen umzuschwenken. Als Interpret muss man sich ständig wie ein Fisch im Wasser bewegen, um diese raschen Stimmungswechsel zu bewältigen.“ Vielleicht sogar das Schwierigste, das sie bisher aufgenommen habe, gesteht die Geigerin, die ein breit gefächertes Repertoire vom Barock bis zur Gegenwart beherrscht. „Als Mozart die Stücke schrieb, war er noch nicht einmal 20 Jahre alt. Bis auf das erste sind alle diese Konzerte 1775 binnen weniger Monate entstanden. Er besaß eine Genialität, die man nicht imitieren kann. Selbst bei minimalen Veränderungen riskiert man als Musiker, die Balance zum Kippen zu bringen. Seine Stücke sind so filigran, dass alles wie ein Kartenhaus einzustürzen droht, sobald man nur an einer einzigen Ecke etwas wegnimmt.“ Der Flötist und Dirigent Giovanni Antonini und sein Ensemble Il Giardino Armonico erwiesen sich als höchst experimentierfreudige Partner, mit denen Isabelle Faust tief in die Materie eintauchen konnte. „Die Violinkonzerte und die Orchestersätze haben wir in zwei verschiedenen Arbeitsphasen in Berlin aufgenommen. Vorher hatten wir das Repertoire schon gemeinsam auf die Bühne gebracht.“ Antonini sei sehr anspruchsvoll: „Er gibt sich erst dann zufrieden, wenn auch das letzte Detail perfekt stimmt. Obwohl wir die Stücke vorher häufig miteinander gespielt hatten, waren wir im Studio noch lange damit beschäftigt, über unterschiedliche Interpretationsansätze zu diskutieren. Alles wurde immer wieder neu ausgelotet. Dabei habe ich unglaublich viel dazugelernt. Gemeinsam haben wir Schicht für Schicht von der ‚Zwiebel‘ Mozart abgetragen.“ Das Musizieren auf Darmsaiten ist Faust bestens vertraut. Mit der historisch informierten Spielweise setzte sie sich unter anderem auseinander, als sie mit dem Freiburger Barockorchester, dem Pianisten Alexander Melnikov und dem Cellisten Jean-Guihen Queyras unter Leitung von Pablo Heras-Casado Werke von Robert Schumann aufnahm. Vor dem Mozart-Projekt habe sie allerdings länger nach einem passenden Bogen gesucht. „Ich habe unter anderem einen klassischen Bogen, der relativ kurz und mit wenigen Haaren bespannt ist. Für die langsamen Sätze der Violinkonzerte würde er nicht ausreichen. Bögen aus der Barockzeit sind aber heute nicht mehr spielbar und meist nur noch in Museen zu finden. Von einem Bogenbauer habe ich mir deshalb verschiedene historische Modelle nachbauen lassen.“ Nicht nur künstlerisch, auch menschlich fühlt sich Faust Il Giardino Armonico tief verbunden. „Die Musiker sind unermüdlich bei der Arbeit, sie glühen förmlich für ihre Sache und sind sehr miteinander verwachsen. Obwohl ich von außen zu dieser eingeschworenen Gemeinschaft gestoßen bin, habe ich mich nicht einen Moment lang fremd gefühlt“, sagt sie. „Man muss immer überlegen, wie weit man sich als Solist einbringt und wie man sich andererseits der charakteristischen Spielweise eines Ensembles anpassen kann. Bei Il Giardino Armonico tritt das italienische Element besonders deutlich hervor. Das ist ein interessanter Ansatz, denn die italienische Musik hat Mozart ja bekanntermaßen stark beeinflusst.“ Ursprünglich wollte Isabelle Faust die fünf Konzerte mit Claudio Abbado und seinem Orchestra Mozart aufnehmen, mit denen sie über mehrere Jahre eng zusammengearbeitet hatte. Da der weltbekannte Dirigent im Januar 2014 starb, konnte das Projekt nicht mehr realisiert werden. Zuvor hatte sie mit Abbado, ebenfalls für Harmonia Mundi, Violinkonzerte von Beethoven und Berg eingespielt. Das 2012 erschienene Album wurde mit dem Diapason d’Or, einem ECHO KLASSIK, dem Gramophone Award und dem japanischen Record Academy Award ausgezeichnet. Isabelle Faust erinnert sich noch gut daran, wie sie mit Abbado und seinem Orchester aus Bologna Mozarts letztes Violinkonzert KV 219 aufführte. Einer der Auftritte fand in dem prächtigen barocken Teatro Farnese in Parma statt, das zu diesem Anlass im Juni 2011 nach über 200 Jahren erstmals wieder bespielt wurde. Auch beim Lucerne Festival waren sie mit diesem Werk gemeinsam zu erleben. „Claudio war ein sehr lyrischer Musiker. Sein Mozart war mit Gold übergossen und weniger provokant. Immer wenn ich versuchte, den komischen Charakter mancher Passagen besonders hervorzuheben, zwinkerte er mir kurz zu. Dann wusste ich, aha, das war wohl doch ein bisschen zu viel. Übertriebene Effekte wollte er immer vermeiden. Dabei wurde mir klar, wie schwierig es ist, bei Mozart die Balance zu halten.“ Im nächsten Januar wird Isabelle Faust mit dem wiederbelebten Orchestra Mozart unter Leitung von Bernard Haitink in Bologna und Lugano Beethovens Violinkonzert aufführen. Zukünftige Mozart-Projekte möchte sie mit Il Giardino Armonico in Angriff nehmen. „In gewisser Weise sind wir zu Komplizen geworden“, lacht sie. „Diese Zusammenarbeit finde ich unglaublich spannend und befriedigend. Ich denke, wir sind alle bereit, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen.“ Corina Kolbe Isabelle Faust Live 27.10.16: Konzerthaus Dortmund Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61 12., 13., 15.1.17: Gewandhaus Leipzig Beethoven: Tripelkonzert C-Dur op. 56 17.3.17: Konzerthaus Freiburg Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll op. 64 18.3.17: Kammermusiksaal Berlin Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll op. 64 Wolfgang Amadeus Mozart: „Violin Concertos“ Isabelle Faust, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini (Harmonia Mundi)

Crescendo

5. Oktober

Eggert kommentiert: Der Triumph der Maestros - Eggert kommentiert: Der Triumph der Maestros

Der Komponist als Urheber ist immer mehr in den Hintergrund getreten. Wir alle haben schon den Witz gemacht oder gehört: „Nur ein toter Komponist ist ein guter Komponist“, und damit ist nicht nur die fast schon triviale Tatsache gemeint, dass viele Kritiken erst nach dem Tod verstummen und dann der Blick auf die wahre Qualität eines Oeuvres frei wird. Nein – Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert in dem der Interpret seinen Siegeszug antritt, und den Schöpfer in den Hintergrund drängt. Und das 21. Jahrhundert ist nur die Fortsetzung davon. Warum diese plötzliche Allmacht des „Übersetzers“ (die eigentliche Bedeutung des Wortes „Interpretieren“)? Woran liegt es, dass immer mehr Komponisten jüngerer Zeit gleichzeitig auch wieder Interpreten sind? Früher war es einfach allumfassendes Musikantentum, das den Komponisten auch zum Interpreten machte, es gehörte einfach untrennbar zusammen und war eigentlich auch gar nichts Besonderes. Um 1900 beginnt aber dann ein regelrechter Kult um die Interpreten – Sänger wie Caruso erlangen durch Schallplatten eine weltweite Berühmtheit, die vorher gar nicht vorstellbar war. Und Radio tun ein Übriges – plötzlich ist der Interpret kein Einzelereignis mehr, er wird multiplizierbar und gewinnt an Strahlkraft, wogegen der eigentliche Erzeuger der gesungenen und gespielten Musik immer mehr in den Schatten tritt. Einher mit dem Siegeszug der Interpreten geht auch der eigentlich überraschende Aufstieg der „Metainterpreten“, also zum Beispiel der Dirigenten und Regisseure, die es in den vorherigen Jahrhunderten entweder gar nicht als eigenständigen Beruf gab, oder deren Arbeit eher im Verborgenen stattfand. Der „Maestro“ als eine Art übergeordneter Interpret – also einer, der die Interpreten interpretiert, und sich damit scheinbar über sie stellt – wäre im 16. Jahrhundert in der Musik als etwas vollkommen Lächerliches empfunden worden, ebenso der Theaterregisseur, der sich in der Interpretation eines Stückes vor allem selber verwirklicht. Der Siegeszug des „Maestros“ – also des Metainterpreten par excellence – in der klassischen Musik war aber spätestens seit Toscanini nicht mehr aufzuhalten. Klassische Orchestermusik wird heute zu 99,9% über die Namen von Dirigenten verkauft, und selbst ein Pierre Boulez, der sich ja nun wirklich nicht als Komponist verstecken musste, trat vollkommen als Komponist hinter seiner (anfangs übrigens heftig von den Kollegen kritisierten) Dirigiertätigkeit zurück. Zahllos sind die Witze über diese seltsame Untergattung von Interpreten, der Entlarvendste ist nach wie vor die simple Frage „wie klingt eigentlich ein Taktstock“? Und der berühmteste ist sicherlich der regelmäßig anderen Dirigenten zugeschriebene Witz vom zu früh gekommenen Paukeneinsatz, der in der Frage des Dirigenten mündet „Wer war das?“. Die Wichtigkeit von Dirigenten wird regelmäßig überschätzt oder unterschätzt. Unterschätzt meistens von den Orchestermusikern, denen es ja auch durchaus oft gelingt, einen Dirigenten auf „Autopilot“ aus der Blamage zu reißen. Dann ist der Konzertmeister der eigentliche „Maestro“, und vorne hampelt eine Art Kasper herum, dem wenig Beachtung geschenkt wird. Andererseits gelingt es genialen Dirigenten immer wieder, aus einem durchschnittlichen Orchester ein Spitzenorchester zu machen, zumindest einen Abend lang. Ich würde sogar behaupten, dass man wirklich gute Dirigenten vor allem bei der Arbeit mit „normalen“ Orchestern beurteilen kann, nicht etwa beim Dirigat der Wiener Philharmoniker. Für letztere braucht man vor allem gute Nerven und ein unerbittliches Selbstbewusstsein (mit dem die meisten Dirigenten ohnehin gesegnet sind), den schönen Klang bringt dieses Orchester aber meistens von selber, wenn man die Blechbläsersektion rechtzeitig vom Kartenspielen aus der Kantine holt. Überschätzt werden Dirigenten wiederum vom Publikum, spätestens seitdem die Mode des Auswendigdirigierens sich überall verbreitete. Tatsächlich ist das „alles im Kopf haben“ eines der hartnäckigsten Mythen des Dirigentenberufs. Immer wieder wird kolportiert, dieser oder jene Dirigent „höre alles“, und kenne die Partitur aus dem Effeff. Dies mag in vielen Fällen stimmen – es gibt tatsächlich Dirigenten mit fotografischem Gedächtnis – aber das Publikum wäre erschüttert, wie selten es stimmt. Tatsächlich ist Auswendigdirigieren viel weniger geheimnisvoll, als viele meinen. Viele Dirigenten merken sich einfach nur bestimmte „Highlights“ des Stückes und schlagen zwischendrin einen 4/4-Takt, was in klassischer Musik meistens richtig ist. Andere lernen einfach nur die Anzahl von Takten auswendig. Ich habe mal erlebt, wie ein sehr berühmter Dirigent drei Takte in der Luft weiterdirigierte ¬– das Stück war schon zu Ende –, weil er sich im Abzählen der Takte verzählt hatte. Er hatte dem Orchester gar nicht zugehört, sondern einfach nur ein Programm „abgespult“. Ein gutes Orchester fliegt auch nicht so schnell raus bei einer Beethoven-Sinfonie – man kennt das Stück einfach zu gut. Neue Musik dagegen wird eigentlich nie auswendig dirigiert, was Bände spricht, denn hätten alle Dirigenten das fotografische Gedächtnis, das sie vorgeben, wäre ihnen ja auch das ein Leichtes. Noch größeres Problem bei Neuer Musik: Es gibt sie meistens noch nicht auf CD! Es ist wesentlich leichter ein Stück einzustudieren, das man sich einfach vorher anhören kann. Daher lieben schlechte Dirigenten vor allem die Stücke, die ohnehin schon jeder kennt. Das Publikum ist aber ungeachtet dessen begeistert, dass jemand für sie das Stück „interpretiert“, ihnen quasi noch einmal zeigt, wo ein Crescendo ansetzt und wo ein Diminuendo aufhört, wo gerade die Eins ist, und bei welchen Stellen man besonders „empfinden“ muss (wenn der Dirigent schmerzverzerrt das Gesicht verzieht). Das nimmt einem das eigene Zuhören ab, ist ja auch viel zu anstrengend bei diesen vielen Tönen. Das Phänomen des so genannten „Showdirigierens“ ist übrigens viel verbreiteter als man meint. Es ist tatsächlich so, dass viele Dirigenten vor dem Spiegel eine Art Bewegungssinfonie einstudieren, die dann auch unerbittlich abläuft, egal ob das Fagott gerade rausgeflogen ist oder die Harfe übersehen hat, dass die Pause vorbei ist. Solche Dirigenten haben die Augen meistens geschlossen, denn sie sind sich in ihrer eigenen Welt quasi genug, das Orchester ist einfach nur eine Verstärkung des eigenen Egos. Daher wird der Beruf des Dirigenten von den „Maestros“ selber am meisten überschätzt. Vielleicht aus einer Art Minderwertigkeitskomplex heraus. Immerhin verbringen Dirigenten die meiste Zeit damit, meistens relativ überflüssige Bewegungen in der Luft zu vollführen, eine Art Tai Chi für Arme, dessen grundsätzliche Bewegungsabläufe von quasi jedem innerhalb weniger Tage erlernt werden können… wie eine englische Fernsehshow einmal bewies, denen es gelang einen vollkommen unmusikalischen Amateur ohne jegliche Vorbildung für einen Dirigierwettbewerb so zu coachen, dass man ihn tatsächlich für einen Dirigenten hielt. Oder auch aus Selbstschutz – da der Dirigentenberuf zweifelsohne mit einer bestimmten Scharlatanerie verbunden ist, muss man sich selber sehr ernst nehmen, damit die Fassade nicht bröckelt. Hierbei ist es tatsächlich schwierig, als Dirigent alles richtig zu machen. Selbst wenn man nicht vorwiegend als Vermittler des eigenen Egos unterwegs ist, muss man ständig Feuerlöschen bei dem komplexen Zirkus der Befindlichkeiten, den ein Orchester darstellt. Viele Dirigenten sind weniger wegen ihres tatsächlichen Könnens berühmt, sondern wegen ihres Geschicks, die vielen Fallstricke dieses Betriebs erfolgreich zu umschiffen und dem Publikum eine stets fröhliche und „lockere“ Begeisterung an der Musik zu vermitteln, was besonders gut ankommt – siehe Dudamel! Wichtig sind hierbei weniger musikalische Talente als diplomatische. Fraternisiert man nämlich zu viel mit den Orchestermusikern, kann dies als Anbiederung verstanden werden. Ist man zu distanziert, gilt es als Arroganz. Lässt man stets den Autoritären raushängen, stellt man schnell fest, dass Hass und Angst nicht sehr gut klingen. Ist man zu lasch, zieht wiederum der Schlendrian ein. Ein guter Dirigent ist also ein bisschen wie ein guter Schullehrer – er muss einem zum Teil schwierigen Stoff streng aber gleichzeitig fröhlich vermitteln, auf keinen Fall zu viel, auf keinen Fall zu wenig fordern, und dabei noch stets supermotiviert und engagiert sein, dabei gleichzeitig Autorität wie auch Kumpelhaftigkeit ausstrahlen. Natürlich gelingt das nicht immer. Eigentlich gelingt es fast nie. Deswegen sind viele Dirigenten nervöse und unglückliche Menschen, denen eine bestimmte Getriebenheit anhaftet. Ständig hetzen sie von Termin zu Termin, weil sie aus lauter Eitelkeit ständig viel zu viele Posten annehmen, deren Management selbst für Warren Buffet unmöglich wäre. Wie soll man als Chefdirigent an drei verschiedenen Häusern (eines in Australien, eines in den USA, eines in Europa) ständig präsent sein, ständig das Publikum begeistern und tolle und tiefgründige Programme machen? Es ist unmöglich, dennoch versuchen es die meisten. Es locken Geld, Ruhm und eine gewisse Lust daran, ständig und immer im Mittelpunkt zu stehen. Selbst hochbezahlte Manager scharen nicht ständig hundert Leute um sich, die gezwungen sind, ihnen stundenlang beim Erzählen von abgestandenen Anekdoten oder der detaillierten Beschreibung ihrer persönlichen Obsessionen und Ansichten zuzuhören. Dirigenten haben das jeden Tag. Der Preis dafür: Sie müssen ständig auf die Uhr schauen (wehe die Probe wird überzogen), müssen jeden falschen Ton als persönliche Niederlage akzeptieren und endlos den Hampelmann machen, selbst wenn sie keine Lust haben. Viele Dirigenten haben daher außerhalb ihres Berufs wenig Privatleben. Die cleveren lernen viele Sprachen – was bei internationalen Verpflichtungen sehr hilfreich ist–, trainieren ihr Gedächtnis, machen akribische Einzeichnungen in komplexe Partituren. Aber zum Bücherlesen oder Leben außerhalb der Konzertsäle bleibt meistens wenig Zeit. Da Dirigenten äußerst selten – außer bei Stockhausens „Gruppen“ – in irgendeiner Form zusammenarbeiten müssen, werden sie gerne eigenbrötlerisch. Ihre einzige Freude scheint es zu sein, Posten anzuhäufen, die vielleicht niemand braucht (so wie Thielemann in Bayreuth) oder Kollegen zu vergraulen, die ihnen gefährlich werden könnten (so wie Thielemann in Bayreuth). Überhaupt: Warum rede selbst ich immer nur von Dirigenten, nie aber von Dirigentinnen? Weil der Maestro-Beruf nach wie vor kaum „Maestras“ kennt, zu eingefahren sind die chauvinistischen Vorurteile, die nach wie vor Frauen entgegengehalten werden. Kein Orchestermusiker ist von der ausgebeulten Hose des von einem Mahler-Adagio aufgegeilten Maestro abgelenkt, dirigiert aber eine Frau heißt es plötzlich „die Brüste lenken mich ab“. Unglaublich viel Dummes wird nach wie vor über Dirigentinnen erzählt, die Bewegungen seien „nicht richtig“, sie „verstünden nicht so viel von Musik“, sie wären nicht „autoritär genug“. Alles natürlich Bullshit. Was die zwischenmenschlichen Fähigkeiten angeht, wären die Frauen vielleicht sogar die besseren Maestros, vor allem, weil sie nicht den Macker raushängen lassen müssen. Warten wir ab, ob sich das in den nächsten Jahren ändert, Anzeichen dafür gibt es. Überhaupt: Vielleicht täte dem Dirigentenberuf wieder ein wenig mehr Bescheidenheit gut. Immerhin gab es mal die „Kapellmeister alter Schule“. Das sind die Dirigenten die weder aussehen wie Pornostars noch meinen, eine Ballettshow abziehen zu müssen. Das Vorbild dieser Dirigenten ist zum Beispiel ein Richard Strauss, der grundsätzlich hauptsächlich mit den Augen dirigierte, die eine Hand in der Jackentasche. Ein Kapellmeister alter Schule muss sich nicht in den Vordergrund drängen, weil er will, dass das Orchester oder die zu begleitenden Solisten glänzen ¬– nicht er selber. Ein solcher Dirigent verachtet den Begriff „Maestro“ – wie der gr¬oße Abbado – und badet nicht im Applaus. Ein solcher Dirigent hört vor allem hin und greift ein, wenn etwas auseinanderläuft. Ein solcher Dirigent hält zusammen, weil er sich zurückhält. Ein solcher Dirigent ist auch anwesend, wenn die Oper mit Korrepetitoren in einem stickigen Probenraum einstudiert wird, nicht nur erst wenn man auf der Bühne probt. Ein solcher Dirigent hört vor allem gut zu, bringt Gutes zum Vorschein, verbirgt Schlechtes, unterstützt seine Kollegen im Dienste der Musik. Es gibt sie nach wie vor, diese Dirigenten. Und sie verdienen wirklich unseren Applaus und unsere Bewunderung.

Klassische Musik und Oper von Classissima



[+] Weitere Nachrichten (Claudio Abbado)
6. Jan
musik heute
12. Dez
Klassik am Mittag
22. Nov
Crescendo
12. Okt
Crescendo
12. Okt
Crescendo
5. Okt
Crescendo
7. Sep
Crescendo
7. Sep
Crescendo
5. Sep
Klassik am Mittag
9. Jul
ouverture
25. Apr
musik heute
22. Apr
nmz - neue musikz...
22. Apr
nmz - KIZ-Nachric...
4. Mär
nmz - KIZ-Nachric...
4. Mär
nmz - neue musikz...
4. Mär
musik heute
20. Okt
Crescendo
19. Okt
Crescendo
11. Okt
musik heute
7. Okt
Crescendo

Claudio Abbado




Abbado im Netz...



Claudio Abbado »

Große Dirigenten

Brandenburgische Konzerte Berliner Philharmoniker Beethoven Mahler London Symphony Orchestra

Seit Januar 2009 erleichtert Classissima den Zugang zu klassischer Musik und erweitert deren Zuhörerkreis.
Mit innovativen Servicedienstleistungen begleitet Classissima Neulinge und Musikliebhaber im Internet.


Große Dirigenten, Große Künstler, Große Opernsänger
 
Große Komponisten der klassischen Musik
Bach
Beethoven
Brahms
Debussy
Dvorak
Handel
Mendelsohn
Mozart
Ravel
Schubert
Tschaikowski
Verdi
Vivaldi
Wagner
[...]


browsen Zehn Jahrhunderte der klassischen Musik...